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Meine Alkoholkarriere 

Auszüge aus meiner Lesung beim Caritas-Verband Main-Kinzig: 

Der Anker          

 

habe ich während der Therapie für eine Gruppentherapie geschrieben:

Mein letzter Anker war eine Langzeittherapie. Nach über 25 Jahren Alkoholmissbrauchs war ich innerhalb von nicht mal einem Jahr total abgestürzt und Alkoholiker, der aus dem Teufelskreis nicht mehr herauskam. Vor der Entgiftung und der Langzeittherapie konnte ich nur noch gerade mal zwei Stunden an einem Stück schlafen. Ich wurde dann wach und mein Körper brauchte Alkohol. Ich musste mich übergeben wenn ich nicht innerhalb von fünf Minuten mindestens einen Longdrink trank. Meine Hausärztin und Freunde hatten mir schon, als es noch nicht so schlimm war, zu einer Therapie geraten. Nun wusste auch ich, dass mich die Krankheit besiegt hatte. Meinem Unterbewusstsein war es schon länger klar geworden, was dazu geführt hatte.

Und gab mir eine kleine Hoffnung, eine ganz kleine Sternschnuppe am Himmel. Das war zwar wie eine schwankende Hängebrücke über eine tiefe Schlucht, aber sie war da. Schlimm für mich, denn ich war in meinem Leben schon über einige Brücken weitergekommen. Waren mir diese Brücken zu klein, so half mir meine Tatkraft, mein Können und mein Glück, sie größer zu machen, vierspurig halt. Und wenn die Brücken mal vor mir eingebrochen waren, ist mir oft genug passiert, dann habe ich sie halt wieder aufgebaut. Nun war als einziges eine doofe Hängebrücke übrig geblieben, eine neue Firma, diesmal ganz alleine.

Daneben war noch eine Hängebrücke, aus Blumen, meine verheiratete Freundin. Im Laufe der Therapie ergab es sich, dass ich Bekannte hatte, die auch eine eigene Brücke wollten und meine Hilfe dafür haben wollten. Also keine Hängebrücke, eine solide Brücke aus Beton war auf einmal am Horizont zu sehen. Und am anderen Ufer der tiefen Schlucht, ein schönes Haus. Mein Haus war ja erst vor acht Monaten zwangsversteigert worden, aber über Beziehungen könnte ich ein sehr günstiges, schönes, großes Haus mieten. Nun könnte aus der Blumenhängebrücke auch eine solide Betonbrücke mit vielen Blumenkästen werden, dachte ich, aber meine Freundin denkt erst mal weiter an eine Hängebrücke.

Seit drei Monaten habe ich nun keinen Alkohol getrunken und alles Andere scheint auch gut zu werden, aber wie bin ich überhaupt vor diesen Abgrund an der tiefen Schlucht geraten?

Als Jugendlicher habe ich nur ab und zu und zum Ausprobieren oder auf Partys Alkohol getrunken. Bier mochte ich außer bei über dreißig Grad Außentemperatur so wie so noch nie. Wir haben lieber Haschisch geraucht oder Trips oder sonst was genommen. Da ging es einem auch nicht so schlecht wie nach Alkoholgenuss. Nach dem Motto: „Man ist so lange nicht betrunken, wie man flach auf dem Boden liegen kann, ohne sich festhalten zu müssen“, wir mussten uns auch flach liegend immer festhalten.

Selbst als ich zur Bundeswehr mit einundzwanzig Jahren kam, trank ich als einer von ganz wenigen keinen Alkohol. Alle Anderen waren fast jeden Tag betrunken. Ich machte entweder Sport oder trieb mich auf der Reeperbahn rum. Zuhause waren wir eigentlich jeden Tag unterwegs und da ich immer fuhr, trank ich keinen Alkohol.

Zur Bundeswehr musste ich erst so spät, weil ich nach meiner Lehre zum Kaufmann mein Abitur nachmachte. Erst als mein großer Sohn geboren war und wir fast nur noch Zuhause waren und ich nicht abends Auto fahren musste, trank ich jeden Abend drei Longdrinks. Nach Jahren meinte meine Frau zu mir: Du trinkst immer mehr. Stimmt nicht, erwiderte ich:

Drei Gläser... Aber am Anfang mischte ich ein Drittel Alkohol mit zwei Drittel etwas anderem (z.B. „Lumumba“ trank ich sehr gerne: Weinbrand und Kakaomilch) aber später war das umgekehrt. Zuerst trank ich nur, weil es mir einfach schmeckte.

Vielleicht auch schon aus Enttäuschung darüber, dass ich nicht Psychologie studieren konnte, sondern eine Familie ernähren musste. Um nach der Bundeswehr überhaupt etwas zu haben, fing ich erst mal als Lagerarbeiter in einem Tonträger- Großhandel an. Schon nach vier Wochen saß ich in der Rechnungsabteilung und kontrollierte. Nach einem Jahr landete ich im Telefonverkauf. Dann stieg die Firma als Großhändler ins Videogeschäft ein. Ich baute zusätzlich einen Abholmarkt für Händler auf. Bin aber dreimal bei Beförderungen übergangen worden, lag vielleicht an meinem äußerem Erscheinungsbild: Vollbart, Haare mehr als schulterlang, nur Jeans usw. Drei Abteilungsleiter sägte ich dann ganz einfach durch Nichtunterstützung ab. Wegen einer Geliebten trennte ich mich von meiner Frau. Da ich ein Zweifamilienhaus gemietet hatte, wohnten Sie und mein Sohn unten und ich und die Neue oben.

Dann wurde ich abgeworben als Geschäftsführer in einer der größten Videotheken im Ruhrpott. Innerhalb von zwei Jahren eröffneten wir sieben Filialen. Inzwischen trank ich, wenn ich nach Hause kam, als Erstes einen Longdrink, noch bevor ich die Schuhe auszog. Sofort war ich entspannt und der ganze Stress war weg. Die alte Firma warb mich wieder zurück. ...

Nach elf Jahren entdeckte ich das Internet. War von der Firma so gewollt. Jeder Mitarbeiter der Firma bekam einen PC und Internetanschluss. Auch die Kosten wurden übernommen. Internet war der Hammer. War wie für mich geschaffen. Da konnte ich mich total ausleben. Unter Alkohol war ich oft nicht berechenbar, selbst für mich nicht, ein richtiger „Draufgänger“. ...

Im Herbst konnte mein Körper nicht mehr und ich bekam eine Bronchitis. Krankenschein, nun jeden Tag mindestens zwei Flaschen. Aber mir ging es immer schlechter und die Entzugs- Erscheinungen wurden unerträglich für mich. Ich hatte gegen den Alkohol verloren und es endlich auch kapiert.

Meine Ärztin riet mir zu einer Langzeittherapie und wie ich die bekommen könnte. Ich musste mehrmals zur Caritas, dort wurde in mehreren Sitzungen und Tagen mein Suchtverlauf und meine Lebensgeschichte erfasst und dann ein Antrag an die Rentenversicherung gestellt. Anfang Januar kam dann die Genehmigung und die Zusage der Klinik für Mitte März 2007.

Mein Alkoholkonsum war wieder wie vorher. Wenn ich nachts wach wurde, brauchte mein Körper Alkohol. Das führte dazu. das ich im Büro nach Alkohol roch, obwohl ich nie im Büro trank. Man legte mir nahe zuhause zu bleiben.

Meine Ärztin gab mir einen Krankenschein und warnte mich, nicht wieder alleine zu versuchen vom Alkohol loszukommen. Ich sollte in Maßen trinken. Das war natürlich für mich ein Freifahrtschein und ich trank zwei Monate jeden Tag soviel wie niemals zuvor.

Um jede Rückfallgefahr zu vermeiden, legte ich die Entgiftung direkt vor die Langzeittherapie, damit ich Zuhause keine Chance mehr für einen Rückfall haben würde. Genauso wie mir schon seit über zehn Jahren klar gewesen war, das wenn ich so weiter trinken würde, irgendwann eine Alkoholabhängigkeit eintreten würde, genauso war mir klar, das es nicht einfach werden würde, alleine die Krankheit zu besiegen.

Aber man schiebt ja diese Gedanken ganz weit weg und so zu werden, wie diese Alkohol trinkenden Penner auf der Straße, also die Alkoholiker, war für mich unvorstellbar.

Genauso schlimm war das Wissen: Wenn Du erst Alkoholiker bist, dann darfst Du nie wieder Alkohol trinken, ein damals schrecklicher Gedanke für mich.

Inzwischen hatte ich akzeptieren müssen, dass ich Alkoholiker geworden war. Damit ja nichts mehr schief laufen konnte legte ich die Entgiftung direkt vor die Langzeittherapie.                             

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